Lernstörungen

Übersicht

Aspekte von Lernstörungen

Lernstörungen äußern sich in mangelhaften schulischen Leistungen im Lesen, Schreiben und Rechnen, die durch geeignete Testverfahren nachgewiesen wurden und trotz ausreichenden Schulunterrichtes entstanden sind. Wenn andere Ursachen (Krankheit, mangelnde Intelligenz oder starke emotional-soziale psychische Störungen) die Lernprobleme besser erklären können, spricht man nicht von einer Lernstörung oder Lernschwäche. Ab einer Minderleistung unterhalb des Prozentranges von 25 % der erreichbaren Leistungen (unteres Viertel der Leistungen / unterdurchschnittlich) und wo die individuelle intellektuelle Leistungsfähigkeit deutlich abweichend nicht erreicht wird, spricht man von Lernschwächen oder Lernstörungen.

 

Zu beachten gilt: Lernstörungen …

  • sind weiter verbreitet, als die alten Prozentangaben (3-5 % der Bevölkerung) es zeigen
  • sind abzugrenzen von vorübergehenden Lernproblemen – die Übergänge sind jedoch fließend
  • können isoliert auftreten (z.B. isolierte Leseschwäche), sind aber häufig verschwistert mit weiteren Lernproblemen
  • sind nicht zu erkennen an „typischen Fehlern“
  • entstehen nicht durch „mangelnde Aufmerksamkeit“
  • sind auch erblich: Oft finden sich in der Familie weitere Personen mit ähnlichen Schwierigkeiten
  • beginnen in mangelnden Entwicklungen im vorschulischen Bereich und sind oft schon von der ersten Klasse an zu beobachten

Die Wahrscheinlichkeit einer zunehmenden Ausprägung ist groß. Lernstörungen geben sich in der Regel nicht „von selbst“. Es kann sich ein Teufelskreis aus Frustration und Demotivation entwickeln, der die Leistungen weiter beeinträchtigt. Häufig entstehen schwierige Hausaufgabensituationen. Folglich sind Lernstörungen Puzzlestücke in einem ganzen System. Neben den Persönlichkeitsstrukturen der Betroffenen sind immer auch die familiäre Situation, die Schulsituation sowie das soziale Umfeld von Bedeutung.

Nicht alle Kinder lernen das Gleiche zur gleichen Zeit auf die gleiche Weise.

-Kathy Walker

Wissenswertes zu Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben

Lesen und Schreiben soll und darf heutzutage jedes Kind erlernen. Die Kernkompetenz,  um diesen Weg ohne große Probleme zu gehen, liegt in der sogenannten „Phonologischen Bewusstheit“. Gemeint ist die Fertigkeit, Rhythmen und Laute zu erkennen, zu vergleichen und mit ihnen gut arbeiten zu können. Das Talent dazu ist angeboren. Der Mensch kann seine Muttersprache mit ihren Lauten erfassen, die natürliche Reifung gibt die einzelnen Schritte vor. Doch nicht alle Kinder finden auf die gleiche Art und mit dem gleichen Erfolg in die Welt der Laute hinein.

Bereits im Vorschulalter können Kinder erkannt werden, deren Grundvoraussetzungen in der Phonologischen Bewusstheit Risiken aufweisen. Bald sollen alle die richtigen Laute mit den richtigen Zeichen in der richtigen Reihenfolge verknüpfen. Erste rhythmische Einheiten (Silben) und ein Sichtwortschatz von zunächst kleinen Worten müssen genutzt werden, um das Entschlüsseln (Lesen) und Verschlüsseln (Schreiben) effektiv zu bewältigen. Ist dieser Prozess bereits geschwächt, gelingen die nächsten Schritte in die Erfassung von orthografischen Regeln und Wortbausteinen mit weniger Aussicht auf Erfolge. Diese sind aber notwendig, um ein angemessen anstrengungsfreies und selbständiges Lesen und Schreiben zu entwickeln.

Das Leitsymptom einer ausgeprägten Legasthenie/Dyslexie/Lese- und Rechtschreibschwäche ist  das mangelnde Leseverständnis, verursacht durch zu langsames Lesetempo, unstrukturierte Lesestrategien und mangelnde Worterwartung. Meistens ist aber auch der Schreibprozess gestört, beide Teilleistungen bedingen sich gegenseitig.

Lesen und Schreiben gehen Hand in Hand bei ihrer Entwicklung, dennoch gibt es ebenso isolierte Rechtschreibprobleme, wie auch nur das Lesen betroffen sein kann. In der Förderung werden immer beide Leistungen miteinander verknüpft.

Das Ziel einer Lese-Rechtschreibförderung ist es, eine annähernd durchschnittliche Leistung in diesen Disziplinen zu erreichen bzw. die SchülerInnen zur Erreichung ihrer Bildungsziele durch eigenständiges, Sinn entnehmendes Lesen und lesbares Schreiben zu befähigen.

Wissenswertes zu Schwierigkeiten im Rechnen

Die Begriffe Rechenschwierigkeiten / Dyskalkulie bezeichnen nicht mangelnde Leistungen in der höheren Mathematik, sondern in der Basisarithmetik, also in den grundlegenden Rechenarten und im Umgang mit Mengen, Maßen, Formen und Mustern.

Die Grundfertigkeiten zeigen im Normalfall eine breite Streuung der Talente. Wie im Lesen und Schreiben gibt es auch hier einen genetisch bedingten Einfluss (Vererbung).

Die Kernkompetenz der unauffälligen Entwicklung im Rechnen ist die Mengenerfassung. Das ist die Erfassung klein(st)er Einheiten und deren gedankliche Strukturierung, die Bündelung z.B. in Fünfergruppen und die gedankliche Vorstellung dieser Mengen, um mit ihnen arbeiten zu können.

Ab dem Vorschulalter fallen einige Kinder dadurch auf, dass sie Zahlen nur als Anzahl und Position in einer Reihe verstehen. Die Zahlworte selber und in ihrer Reihung können unsicher besetzt sein, das Abzählen ist oft fehlerhaft. Auf einen Blick werden vielleicht Würfelbilder erfasst und einer Anzahl zugeordnet aber keine unstrukturierten Mengen. Größer-Kleiner-Zuordnungen gelingen nicht, Anzahlen bleiben nicht ausreichend lange im Gedächtnis. Zahlreihen können kaum unterbrochen oder umgekehrt werden. Das 1+1 im Zahlenraum 10 wird nicht beherrscht, die Erweiterung des Zahlenraumes schon im Zehnerübergang ist schwierig. Darüber hinaus sind bei einem Teil der Betroffenen  Probleme in der visuell-räumlichen Wahrnehmung  vorhanden, die neben der Mengenerfassung auf einen Blick auch den Umgang mit Mustern, Reihen und Formen beeinträchtigen.

Die meisten Schüler mit Rechenschwierigkeiten wählen mit fortschreitendem „Erfolg“ das zählende Rechnen zum Ausweg aus ihrer Not.

Bereits die Arithmetik der Grundschule fordert das Sprachvermögen. Bei SchülerInnen mit zusätzlichen Schwächen in diesem Bereich können sich Rechenprobleme auch bei an sich ausreichendem Mengenverständnis ergeben. Ist dieses ebenfalls bereits beeinträchtigt, so werden sich die Rechenprobleme nach Stand der Forschungen dadurch noch vertiefen.

Das Ziel einer Förderung bei Dyskalkulie / Rechenproblemen ist es, die SchülerInnen aus dem zählenden Rechnen herauszuholen und ihnen Strategien zu  vermitteln, mit denen sie Mengen erfassen, Zahlenräume erobern und mathematische Sprache umsetzen können.

Erzähl es mir und ich vergesse es. Bring es mir bei und ich merke es mir. Lass es mich machen und ich lerne.

-Benjamin Franklin

Das Spiel ist die Arbeit des Kindes.

-J. H. Pestalozzi

Wissenswertes zu Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeit

Als „Aufmerksamkeit“ bezeichnet man die ausreichend andauernde, fokussierte Beachtung von Dingen und Handlungen. Ablenkende Störreize werden dafür ausgeblendet und Tätigkeiten planvoll und systematisch bis zu einem erwünschten Ergebnis durchgeführt. Überschießende Impulse sind dabei zu unterdrücken.

Das Verhalten betroffener Kinder unterscheidet sich von klein auf von dem der anderen. Die Auffälligkeiten erstrecken sich auf alle Bereiche des Lebens über eine längere Zeit. Sie haben Probleme mit der Selbstregulation, die Frustrationstoleranz, die Geduld sind geringer ausgeprägt. Der Zugang zu den eigenen Emotionen und denen der anderen fällt ihnen oft nicht leicht. Sie sind impulsiv und können nicht abwarten oder Bedürfnisse aufschieben. Das kann sich auch darin äußern, dass sie Hilfe bei der Entwicklung ihrer Spiel- und Gruppenfähigkeiten brauchen. V.a. Die Kinder, die zusätzlich durch ihre motorische Unruhe auffallen, verletzen sich häufiger, weil auch die Risikoabschätzung nicht gelingt. Das schulische Lernen wird i.d.R. beeinträchtigt.

Familiäre Problemen entstehen, wenn sich auf dieser Grundlage ein sogenanntes „oppositionelles“ Verhalten entwickelt, bei dem sich beständig starke, auch körperliche Konflikte entzünden.

Die Diagnose von Störungen der Aufmerksamkeit ist nicht banal und gehört in die Hände von Fachpersonen. Die klinische Bezeichnung lautet AD(H)S (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit oder ohne Hyperaktivität). Die Forschungen sehen die Ursache genetisch bedingt in einem Ungleichgewicht der Stoffe, die die Weiterleitung von Nervenreizen im Gehirn gewährleisten sollen.

Das soziale Umfeld hat einen großen Einfluss auf das Erscheinungsbild der Aufmerksamkeitsprobleme. Verlässliche Beziehungen, strukturierte Tagesabläufe, klare Regeln, genügend Bewegung und Schlaf sind sehr hilfreich.

Bei ausgeprägter Symptomatik und weil ansonsten die Entwicklung gefährdet wäre, kann ein Facharzt nach gründlicher Diagnose den Einsatz möglicher Medikamente empfehlen. Werden Medikamente eingesetzt, ist eine gleichzeitige Therapie und regelmäßige medizinische Beobachtung sinnvoll. Die Gabe von Medikamenten ist in manchen Fällen notwendig und hilfreich, um neue Perspektiven zu gewinnen.

Befinden sich SchülerInnen wegen weiterer Lernstörungen in Therapie, so muss und kann die Behandlung dieser Aufmerksamkeitsprobleme integriert werden.