Knatsch im Hausaufgabenhaus

Es geht wieder mal rund am Küchentisch, dem Lieblings-Arbeitsplatz vieler Grundschüler. Es wird diskutiert, geschmollt, gestritten, verweigert. Kennen Sie das auch? Zunächst einmal ist zu sagen, dass die häusliche Umgebung prinzipiell das Ausleben von Launen einfacher macht. Soll heißen: Ihr Kind vertraut vollkommen darauf, dass Auseinandersetzungen keine langfristigen negativen Folgen für Ihre Beziehung hervorbringen werden. Zudem übt es soziale Kompetenzen auch im Konflikt. Das ist normal. Sollten sich aber über einen längeren Zeitraum immer wieder starke Auseinandersetzungen auf ähnliche Art und Weise an den gleichen Ursachen (also den Hausaufgaben) entzünden, so lohnt es sich, einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Fragen zu den Rahmenbedingungen können gestellt werden: Wurde der richtige Zeitpunkt, der richtige Ort gewählt? Ist der Platz ruhig und ablenkungsarm (steht z.B. zu viel anderes Material auf dem Tisch, saust die kleine Schwester durch das Zimmer)? Gehört Ihr Kind zu denen, die am liebsten gleich im Anschluss an die Schule / die Zoom- Konferenz loslegen? Oder kann es zu einem anderen Zeitpunkt am Tag besser arbeiten? Sind die Hausaufgaben an die Leistungsfähigkeit Ihres Kindes angepasst oder unter- bzw. überfordern sie dieselbe? Wie viel Begleitung braucht Ihr Kind in der Strukturierung seiner Arbeit? Werden erst alle Aufgaben gesichtet, um sie dann nacheinander zu bearbeiten oder wendet man sich ihnen Stück für Stück zu? Wie viel Unterstützung zum Verständnis der gestellten Aufgaben braucht Ihr Kind? Kann es sich selbständig orientieren oder benötigt es Begleitung? Vorsicht vor der Falle des „Erklärbärs“, in die Eltern hierbei stolpern können.

Es lohnt sich manchmal, abzuwarten, wie weit ein Kind alleine kommen kann, bevor die Eltern als Ersatzlehrer tätig werden. Schlussendlich muss anerkannt werden, wie lange und wie oft ein durchschnittlicher Grundschüler seine Konzentration erneuern kann. Es sei verraten: 15 Minuten können in Klasse 1 und 2 erwartet werden, 20 und in Einzelfällen auch 30 Minuten am Ende der Grundschulzeit. Manche Schüler*innen brauchen nur kurze Pausen (Limo holen, aufs Klo gehen), andere etwas längere (das Meerschweinchen füttern), wieder andere zerteilen ihre Arbeitszeit auf eine frühe Phase vor dem Spielen und eine am Abend. Wenn es Ihrem Kind guttut, dann folgen sie diesen Vorlieben. Ändern können Sie zumindest in der Grundschulzeit noch nicht viel daran, es sei denn, Sie lieben Konflikte.

Erwähnen möchte ich hier auch, dass Hausaufgaben möglichst vollständig erledigt werden sollen, aber nicht perfekt sein müssen. Die LehrerInnen bekommen sonst unter Umständen ein kosmetisch angepasstes Ergebnis gezeigt, aus dem sie nicht mehr entnehmen können, wo welche ihrer SchülerInnen noch Hilfe benötigen. Haben Sie einen nüchternen Blick auf die biografisch gerade vorhandene Motivation und die Talente ihres Kindes. Versuchen sie nicht, bereits in der Grundschulzeit Bildungserfolge zu erzielen, bei denen Ihr Kind nicht mitzieht und ganz besonders gilt das für die Betreuung der Hausaufgabenzeit. Sollte das von Ihnen planbare Zeitfenster dafür wieder nicht ausreichen, dann reden Sie mit den Lehrer*innen, um einen angepassten Aufgabenrahmen zu erreichen.

Ein Tipp noch zum Schluss, um Stress mit den Hausaufgaben zu vermeiden: Beginnen Sie mit den schwierigsten Aufgaben, danach reicht die mentale Kraft eventuell noch für die leichteren. Behalten sie die Ruhe, alle Kinder werden älter, reifer und übernehmen irgendwann sogar gerne und erfolgreich die alleinige Verantwortung für die Einteilung ihrer Ressourcen im Bereich der Hausaufgaben. Sie müssen sie nur auf dem Weg bis dahin begleiten.

Noch dringender ist, dass die Schüler nicht durch aufgegebene häusliche Arbeiten um die nötige Erholungszeit gebracht werden.

Johann Friedrich Herbart
Anette Rautnig-Barthelmeh
Anette Rautnig-Barthelmeh